23. Mai - 08. September 2019

19. Mai 2019

Karrieretipp: Vertriebs-Ass

never_stop_exploringSabine Breitling arbeitet als Account Manager Cloud ERP bei Oracle, einem der weltweit größten Unternehmen für Unternehmenssoftware neben SAP. Bei sonnigem Wetter und unter Münchens geschäftiger Atmosphäre hat sich erp4students mit ihr über Quer- bzw. Seiteneinstieg in einen Beruf sowie Weiterbildung unterhalten.

 

1. Frau Breitling, Sie haben eine interessante Vita vorzuweisen. Sie haben eine kaufmännische Ausbildung in der ehemaligen DDR abgeschlossen, waren zwischenzeitlich in einer Agentur für Kommunikation und Marketing tätig und sind heute Verkaufsleiterin eines großen internationalen Software-Unternehmens. Was denken Sie, womit ist Ihr beruflicher Erfolg verknüpft?

S. Breitling: Ich war schon immer bestrebt, beruflich auf eigenen Füßen zu stehen. Dabei habe ich keinen bestimmten Beruf ins Visier gefasst, sondern habe immer das gemacht, was mir Freude bereitet hat und wofür ich eine Qualifikation vorzuweisen hatte. Meine erste Tätigkeit, die ich in der BRD bekommen habe, war in einer Leasingfirma. Den habe ich bekommen, weil ich in meiner Ausbildung Stenografie gelernt hatte. Danach habe ich zum Kommunikations- und Marketingbereich gewechselt. Dort habe ich zunächst in einer Agentur für Direktmarketing die Lufthansa als Kunden betreut. Das war eine spannende Herausforderung; nach einiger Zeit wollte ich meine Kenntnisse jedoch in einem neuen Themengebiet einsetzen und ausbauen. So kam ich Anfang der 2000er Jahre in eine Kommunikationsagentur, die unter anderem einen Obst- und Gemüseanbauer namens The Greenery als Kunden hatte. Ich war für dieses Kundenprojekt verantwortlich und habe mehrere Jahre lang am Image dieses niederländischen Vermarkters gearbeitet, der durch einen Lebensmittelskandal Ende der 1980er Jahre einen erheblichen Image-Schaden erlitten hatte. Diese Tätigkeit hat mir die Möglichkeit geboten, hinter die Kulissen des Obst- und Gemüseanbaus zu blicken. Dadurch habe ich sehr viel dazugelernt, was für mich nicht nur beruflich von Nutzen war.

2. Wie sind Sie zum Vertrieb gekommen? Von der PR zum Verkauf ist es doch ein großer Schritt.

S. Breitling: Das stimmt, weil man dann auf einer anderen, persönlicheren Ebene kommuniziert. Während meiner Tätigkeit bei The Greenery habe ich auch dem Vertriebsleiter, der für die großen Händler wie zum Beispiel REWE, Aldi oder Edeka zuständig war, zugearbeitet und somit meine Liebe für den Vertrieb entdeckt. Ich konnte meine Organisationsfähigkeit unter Beweis stellen, indem ich zum Beispiel Konzepte gemeinsam mit Dienstleistern erarbeitet und beim Kunden vorgestellt habe. Ich mochte es sehr, mit Menschen zu sprechen und ihnen mit meiner Begeisterung etwas nahezubringen, wovon ich überzeugt war. Das tue ich heute noch, und genau an dieser Stelle fußt die Tätigkeit als Vertriebler: Das kann man nicht lernen. Man sollte die Liebe dazu für sich entdecken und mit es mit Herzblut machen!

3. Sie hatten auch schon einmal mit dem Gedanken gespielt, mit Ihrem Know-how als Vertrieblerin selbständig zu werden. Gab es etwas, das Sie davon abgehalten hat, diesen Gedanken in die Tat umzusetzen?

S. Breitling: Ich hatte bereits eine entsprechende Anzeige über meine Dienstleistungen geschaltet, als sich die Firma Crossgate bei mir meldete, die durch diese Anzeige auf mich aufmerksam geworden war. Crossgate war ein Start-up-Unternehmen mit der Spezialisierung auf IT, das seine Produkte als Software as a Service (Cloud) anbot. Ein Beispiel waren EDI-Nachrichten (von Englisch „electronic data interchange“, elektronischer Datenaustausch), die der Kunde als On-Demand-Service abrufen konnte. Gegenüber einer On-Premise-Lösung lag hier der Vorteil in der Flexibilität sowie der Kosten- und Zeitersparnis. Ein weiteres Thema war E-Invoicing (von Englisch „electronic invoicing“, elektronische Rechnungsstellung), bei dem Rechnungen elektronisch an den Empfänger versendet wurden. Der nach Umsatz größte Chemiekonzern weltweit und ein Automobilbauer waren die ersten Kunden, die diese elektronische Umsetzung der Rechnungsstellung eingeführt haben. Viele Unternehmen hatten aber auch eigene IT-Abteilungen, die diese Prozesse on-premise umgesetzt haben. SAP hat 2011 Crossgate übernommen und so hat es mich dann zu SAP verschlagen.

4. Bei SAP haben Sie aber einen anderen Themenschwerpunkt ausgewählt, nämlich den Non-Profit-Bereich. Wenn man über SAP spricht, würde man das Unternehmen zunächst einmal nicht mit Non-Profit in Verbindung bringen. Worin bestand Ihre Tätigkeit im Non-Profit-Bereich?

S. Breitling: Da ich bei Crossgate bereits sehr viel mit Kunden aus der Industrie zu tun hatte, wollte ich gerne etwas Neues ausprobieren und habe mich deshalb intern umgeschaut. So bin ich zum NP-Bereich gekommen. Unsere Kunden waren zum Beispiel Kirchen, Sozialwirtschaft, Hilfsorganisationen wie SOS Kinderdorf, Deutsche Welthungerhilfe oder der Deutsche Caritasverband e. V. sowie Vereine und Verbände. Auch NP-Organisationen haben Gelder, die sie beispielsweise von Kommunen, der Bundesagentur für Arbeit, der Rentenversicherung oder durch Spenden bekommen. Diese Gelder müssen natürlich auch verwaltet werden, und dafür brauchen auch die NPOs Unternehmenssoftware – wie zum Beispiel die von SAP –, die ihnen das ermöglicht. Sie müssen zwar wie Wirtschaftsunternehmen „ticken“, erwirtschaften aber kein Geld, sondern verwalten es, damit jeder Cent richtig investiert wird. Durch meine Arbeit im Bereich NPO habe ich einen tiefen Einblick in die Tätigkeiten von Kirchen, Sozialwirtschaft und Hilfsorganisationen bekommen, die ich heute ganz anders wahrnehme und zu schätzen weiß. Das Menschliche steht bei NPOs im Vordergrund und ich habe in diesem Job viele tolle Persönlichkeiten kennengelernt. Die Kombination Vertrieb und soziales Engagement hat mir sehr viel Freude bereitet.

5. Ist der Kontakt nach so einer langen Zeit mit bestimmten Kunden bestehen geblieben, als Sie ein Unternehmen verlassen haben, oder pflegen Sie den Kontakt zu einigen Kunden noch?

S. Breitling: Zu einigen meiner damaligen Kunden habe ich immer noch privaten Kontakt. Das hat sich mit der Zeit einfach ergeben. Einer dieser Kontakte ist zum Beispiel Uwe Ufer, Vorstand der Diakonie Michaelshoven in Köln. Persönliche Kontakte, die man einmal geknüpft hat, sollte man pflegen, da sie wichtig sind. Die Diakonie Michaelshoven war übrigens eine der ersten S/4HANA-Kunden. Dem gelungenen S/4HANA-Projekt in der Diakonie Michaelshoven folgten andere soziale Einrichtungen und Kirchen.

6. Nun, bei Ihrem aktuellen Arbeitgeber, sind Sie dem Vertrieb treu geblieben, haben jedoch erneut einen neuen Aufgabenbereich. Was hat Sie dazu veranlasst, abermals etwas Neues zu wagen und was reizt Sie an dieser Tätigkeit?

S. Breitling: Als ich das Jobangebot von Oracle bekam, wollte ich unbedingt diese Chance nutzen und etwas Neues ausprobieren, solange ich die Gelegenheit dazu habe. Meine Hauptaufgabe besteht nun darin, Cloudsysteme zu verkaufen. Cloud-Lösungen sind in meinen Augen und in denen von Analysten die Zukunft. Sie sind innovativ, agil, schnell, sicher und kostengünstig. Kein Bestand von Hardware, automatische Einspielung von Updates, moderne Geschäftsprozesse, eine schnelle Einführung und einige weitere positive Eigenschaften machen diese Cloud-Lösung aus. An meinem Job gefällt es mir vor allem Akquise zu betreiben und Workshops für Kunden vorzubereiten. In diesen Workshops werden unter anderem Kundenbedarfe identifiziert und aufgrund dessen mögliche Lösungen erarbeitet. Der Kontakt zum Kunden – per Telefon oder im persönlichen Termin – ist das, was meinen Job ausmacht und mir sehr viel Spaß macht. Beim Kundenkontakt ist es essenziell, den anderen „abzuholen“, weil man nicht über ein Produkt spricht, das man berühren kann wie beispielsweise einen Schuh. Sondern es wird eine Lösung verkauft. Erst wenn ich von einer Lösung für den Kunden überzeugt bin, kann ich dahinterstehen und diese verkaufen.

7. Welche Tipps können Sie unseren LeserInnen mit auf ihren beruflichen Weg geben? 

S. Breitling: Halten Sie die Augen für Neues offen und nehmen Sie Chancen zu Weiterbildungen wahr. Womöglich werden Sie sich dadurch in einer Branche wiederfinden, an die Sie nie gedacht hätten und die Ihnen sehr viel Freude bereiten wird. Dem Quer-/Seiteneinstieg sind keine Grenzen gesetzt und alles ist erlaubt, was Spaß macht und für was man „brennt“. Es ist ein großer Unterscheid, ob man einen Job mit Leidenschaft und Herz ausübt oder nur weil man es muss. Entscheiden Sie sich deshalb nicht für einen Job, nur weil der finanzielle Aspekt überwiegt. Darüber hinaus bringen Menschen, die fachfremd in ein Unternehmen hineinkommen, frischen Wind und einen ganz neuen Blick auf die Dinge und das Unternehmen mit. Beschäftigen Sie sich außerdem viel mit der Praxis, damit Sie später im Job nicht nur mit der Theorie glänzen. Konkret gesagt: Besuchen Sie beispielsweise Veranstaltungen, bei denen man mit Personen aus Unternehmen in Kontakt treten kann. Durch soziale Medien ist es heutzutage leicht, auf solche Veranstaltungen aufmerksam zu werden. Absolvieren Sie außerdem Praktika, denn oft prallen im Berufsleben zwei Welten aufeinander: Universitätsabsolvent vs. langjähriger Mitarbeiter. Wenn dieses Aufeinanderprallen positiv und mit einem Blick auf den anderen passiert, werden alle – nicht zuletzt das Unternehmen – profitieren. Es gibt keinen richtigen oder falschen Weg. Gehen Sie gern auch mal einen Schritt zur Seite, aber tun Sie das, was Sie lieben! Und zu guter Letzt: Hängen Sie nie zu lange an einer aussichtslosen Sache und machen Sie sich nicht zu viele Sorgen um Ihre Zukunft. Alles im Leben kommt zu seiner Zeit, man muss es erkennen und offen dafür sein. Angst ist ein schlechter Ratgeber!

Erp4students bedankt sich bei Frau Breitling für diesen spannenden Einblick in ihre berufliche Laufbahn und wünscht ihr alles Gute für die Zukunft.

Wir hoffen, ihr als erp4students-LeserInnen konntet euch von diesem Beruf, ihrer Vielseitigkeit sowie dem spannenden Werdegang von Sabine Breitling für eure berufliche Zukunft inspirieren lassen.

                                                                                                   von Gohar Zatrjan

Quellen 



© www.erp4students.at   Freitag, 8. Februar 2019 09:48 Schnaithmann
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