23. Mai - 08. September 2019

19. Mai 2019

Bitcoin und Blockchain - Tulpen des 21. Jahrhunderts?

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Es gibt in Anleger- und Spekulantenkreisen wohl kaum einen Begriff, der den Trader-Diskurs der letzten Wochen so sehr mitbestimmte wie "Bitcoin". Während ein Bitcoin im September 2016 noch für 500€ erworben werden konnte, lag der Preis für eine Unit der Kryptowährung, Stand September 2017, zeitweise bei rund 4.000€. Innerhalb der letzten fünf Jahre hat der Bitcoin sogar um unglaubliche 30.000 % am Kurs zugelegt. Die aktuelle Marktkapitalisierung liegt bei ca. 62 Mrd. US-Dollar. Verlässliche Kursprognosen können allerdings nicht gestellt werden, da Bitcoins weder einen Cashflow generieren noch Zinsen abwerfen. Der Preis bleibt demnach immer spekulativ. In anderen Worten ist ein Bitcoin also immer nur so viel wert, wie jemand bereit ist, dafür zu zahlen. Genau in diesem Punkt sehen Kritiker im Bitcoin-Wahn die größten Gefahren und bezeichnen diesen Trend deshalb bereits als die größte Spekulationsblase seit der Tulpenmanie im 17. Jahrhundert. Unabhängig von Börsenspekulationen und Marktkapitalisierung, und davon ob die Blase nun bald platzt oder nicht, hat der Run auf Bitcoins aber vor allen Dingen auch Folgen im Kontext des technologischen Fortschritts. Besonders im Hinblick auf integere, transparente und sichere Anwendungen hat die Technik hinter dem Bitcoin einige Türen geöffnet. 

 

Was ist Bitcoin?

Bitcoin ist, kurz gesagt, eine digitale Währung, auch Kryptowährung genannt. Dabei ist Bitcoin das erste öffentlich gehandelte Kryptogeld (2009 unter dem Pseudonym "Satoshi Nakamoto" initiiert). Aktuell gibt es mehr als 1000 unterschiedliche digitale Währungen. Die bekanntesten neben Bitcoin sind Ethereum, Litecoin und Ripple. Anders als bei regulären Währungen gibt es bei Bitcoins (und anderen Kryptowährungen) keine Autoritäten, die neues Geld anfordern oder Transaktionen verfolgen. Diese Aufgaben werden gemeinsam vom Netzwerk verwaltet ("peer-to-peer" oder "P2P"). Entsprechend werden neue Bitcoins durch Rechenleistung generiert. Eine unendliche Inflation wird durch eine definierte Obergrenze von existierenden Bitcoins verhindert. Die Bitcoin-Generierung wird auch als "Mining" bezeichnet. Eine der größten Bitcoin-Minen liegt auf Island und wird von Marco Streng und seinem Team um Genesis Mining betreut. Wie das Mining konkret funktioniert, kann man z. B. auf der Bitcoin-Website oder im offiziellen Bitcoin-Wiki nachlesen. 

 

Blockchain - Die Technik hinter Bitcoin

Die technische Basis für Kryptowährungen wie Bitcoin sind Blockketten, auch Blockchains genannt. Darunter wird eine dezentrale "Datenbank verstanden, deren Integrität (Sicherung gegen nachträgliche Manipulation) durch Speicherung des Hashwertes des vorangehenden Datensatzes im jeweils nachfolgenden, also durch kryptografische Verkettung, gesichert ist." (Quelle: Dr. Jörn Heckmann: Programmierte Verträge als Zukunft der Blockchain,. In: com! Nr. 2/2017, S. 100.) Die entscheidendsten Merkmale dieser Technologie sind Transparenz, Unveränderlichkeit und Dezentralität. Beim regulären Bankenwesen wird das Geld zentralisiert von Institutionen verwaltet. Hypothetisch wäre es demnach möglich, dass diese Institutionen Änderungen an den Hauptbüchern vornehmen. Darüber hinaus stellt sich immer auch die Frage nach der Sicherheit der Daten, z. B. im Falle eines Cyberangriffs, oder generell nach einer Einsicht in sensible Daten durch unautorisierte Dritte. 
Eine Blockchain ist nun sozusagen ein offen einsehbares Hauptbuch. Darin werden alle getätigten Transaktionen transparent, aber anonymisiert, gespeichert sowie dokumentiert (Transparenz). Dieses Hauptbuch wird auf vielen verschiedenen Computern ("Nodes") gespeichert und aktualisiert (Dezentralisierung). Zudem sind die gespeicherten Daten nachträglich nicht mehr lösch- oder bearbeitbar (Unveränderlichkeit).
Wie es der Name bereits suggeriert, ist eine Blockchain eine Kette von Blöcken. In dieser werden entsprechende Transaktionsdaten miteinander verknüpft. Die getätigten Transaktionen werden wiederum zu Blöcken zusammengefasst und auf Gültigkeit überprüft. Daran anschließend folgt der sogenannte "Proof-of-Work", der die neuen Blöcke an die bereits bestehende Kette von Blöcken anfügt. Hierbei werden vom System durch häufiges Ausprobieren Rechenaufgaben gelöst (das sogenannte "Mining"). Das kontinuierliche Lösen dieser Aufgaben stellt zugleich die Sicherheit des Netzwerks sicher, da der Stromverbrauch dieses Prozesses immens ist. Und eben weil der Preis für den Computerstrom, der benötigt würde, um die Kontrolle über alle Transaktionen des Netzwerks zu gewinnen, artifiziell hochgehalten wird, schützt sich das Netzwerk quasi selbstständig vor externen Angriffen. In konkreten Zahlen ausgedrückt: ca. 1,6 US-Haushalte könnten einen ganzen Tag lang mit der Energie versorgt werden, die benötigt wird, um eine einzige Bitcoin-Transaktion auszuführen. Einen Artikel, der sich kritisch mit dem Thema Energieeffizienz auseinandersetzt, findet man zum Beispiel auf dieser Website. Die hohe Energieintensität im Bezug auf die Hardwareleistung beim Mining-Prozess mag dann zwar auch vor unsachgemäßer Bitcoin-Generierung schützen, hat andererseits aber kaum einen Einfluss auf Hacker-Angriffe, die den Bitcoin-Exchange betreffen. So haben Cyberkriminelle erst kürzlich (im Juli 2017) den südkoreanischen Bitcoin-Anbieter Bithump gehackt und auf diesem Wege tausende Kundendaten erbeutet. Die Blockchain blieb von diesem Angriff allerdings unberührt.

 

Einsatzmöglichkeiten von Blockchain

Dennoch ist es gerade die Blockchain-Technik hinter den Bitcoins, die Technik- und Wirtschafts-Experten fasziniert. Hier gilt vorab festzuhalten: Es gibt nicht die eine Blockchain. Die bekannteste ist allerdings die Bitcoin-Blockchain, an der sich mittlerweile viele weitere Anwendungen orientieren. Besonders die bereits genannten Charakteristika Dezentralisierung, Unveränderlichkeit, Transparenz, und damit einhergehend Sicherheit und Effizienzsteigerung, haben viele Institutionen, Unternehmen und Forscher auf den Plan gerufen, sich mit dem Thema Blockchain auseinanderzusetzen. Eine Blockchain, die in der Verwaltung einer Behörde eingesetzt wird, hat allerdings ganz andere Anforderungen zu erfüllen als z. B. die Bitcoin-Blockchain und ist dementsprechend anders konzipiert. Im Finanzwesen nutzt unter anderem SAP bereits Blockchain. Auch Potenziale, die über eine Anwendung im Finanzwesen hinausgehen, sind entsprechend vorhanden und werden zum Teil bereits verfolgt und getestet.

 

Blockchain-Zahlung mit SAP-Technologie

Es ist naheliegend, dass die Technik hinter einer solch immensen Kryptowährung wie Bitcoin ihre ersten Einflüsse im Finanzsektor sichtbar werden lässt. Einer der Hauptgründe dürfte die Nachfrage nach Echtzeittransaktionen seitens Verbraucher und Unternehmen sein. Zudem werden traditionelle Geschäftsprozesse und -modelle durch FinTechs und andere Start-ups im Bereich Finanztechnologie bedroht. 
Um für dieses Thema zu sensibilisieren und es anschaulich zu machen, arbeitete SAP gemeinsam mit ATB Financial (Kanada), dem Finanztechnologie-Start-up Ripple und der deutschen ReiseBank AG zusammen. Ziel der Kooperation war es, die erste richtige internationale Blockchain-Zahlung von Kanada nach Deutschland durchzuführen. Die ATB Financial überwies infolgedessen 1.000 kanadische Dollar an die ReiseBank. Das entsprechende Netzwerk zur Durchführung basierte auf SAP-Technologie und den Blockchain-Unternehmenslösungen im Zahlungsnetzwerk von Ripple. Das Ergebnis: Die Überweisung, die auf herkömmlichem Zahlungsweg zwei bis sechs Werktage in Anspruch genommen hätte, wurde in gerade einmal 20 Sekunden abgewickelt (Mehr dazu).

 

Neben der Entwicklung für die Finanzdienstleistungsbranche arbeitet SAP auch daran, Blockchain in anderen Bereichen einzusetzen - so zum Beispiel im generellen Handel mit digitalen Gütern oder im Kontext personenbezogener Daten. 

 

Blockchain im Gesundheitswesen und in der Landwirtschaft

Die Blockchain-Technologie könnte somit z. B. auch als Grundlage für eine Anwendung dienen, um den Austausch zwischen Patienten, Ärzten oder Pharmaunternehmen zu erleichtern. So ist vorstellbar, dass eine entsprechende Anwendung dafür sorgen könnte, elektronische Krankenakten untereinander zu teilen. Denkbar wäre auch ein System, das bei einer Versicherung für Landwirte gegen schlechte Witterungsverhältnisse zum Einsatz käme. In diesem Fall würden über Feld-Sensoren Niederschlagsdaten gesammelt und der Versicherungsgesellschaft gemeldet werden. Neben diesen beispielhaft genannten Ansätzen, forscht SAP umfangreich an den Auswirkungen und Potenzialen von Blockchain. Da Unternehmen stets auf der Suche nach Möglichkeiten sind, Kosten zu senken, die Produktivität zu steigern und die Komplexität ihrer Prozesse und Abläufe zu verringern, könnte die Blockchain-Technologie bald entsprechende Lösungen liefern (Mehr dazu).

 

Bitcoin und Blockchain im Alltag

SAP und Ripple sind natürlich nur einige der Unternehmen, die sich bereits jetzt intensiv mit dem Themenkomplex Blockchain und, etwas spezieller, Bitcoin auseinandersetzen. So haperte es im Kontext der Kryptowährung oftmals an der Alltagstauglichkeit, da nicht alle Händler Bitcoins als Zahlungsmittel akzeptieren. Will man seine Rechnungen dennoch mit Bitcoins bezahlen, blieb einem bisher nichts anderes übrig, als die Währung vorab umständlich zu tauschen. Nicht selten zu ungünstigen Kursen. Der finnische Anbieter Lamium schafft da nun Abhilfe. Lamium sorgt dafür, dass Zahlungen entsprechend der Blockchain-Technologie verschlüsselt und dezentral abgewickelt werden können - anonym und über Landesgrenzen hinaus. 
In der Praxis könnte dies, verkürzt dargestellt, wie folgt aussehen: Ihr erhaltet eine Rechnung von einem Anbieter, der aktuell noch nicht dazu in der Lage ist, Bitcoins als Zahlungsmitteln zu akzeptieren. Dies könnte bspw. erp4students sein. Wenn ihr diese Rechnung nun mit Bitcoins begleichen wollt, könnt ihr euch bei lamium.fi registrieren und dort die Rechnung hochladen. Der finnische Anbieter bezahlt daraufhin die offene Rechnung in der gewünschten Währung des Rechnungsstellers und zieht euch den geforderten Betrag X, umgerechnet nach Tageskurs, von eurem Bitcoin-Wallet ab. Auf diesem Weg könnt ihr nun theoretisch jede beliebige Rechnung mit Bitcoins bezahlen, unabhängig davon, ob der Rechnungssteller Bitcoins als Zahlungsmittel akzeptiert oder nicht.

 

von Daniel Schnaithmann 

 

Quellen:

 

Bildquelle:

 




© www.erp4students.at   Montag, 9. Oktober 2017 10:30 Zatrjan
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